Web 2.0 – ein furchtbares Wort für eine großartige Idee

Kennen Sie die Restaurants mit den Portionen, die so groß sind, daß man sie kaum schafft? Man kriegt viel für sein Geld – ein tolles Gefühl! Aber: Manchmal möchte man eben nur eine halbe Portion essen – weil man keinen großen Hunger hat, weil man auf seine Linie achten möchte, weil man noch ein Kind ist – oder weil man alt ist – wirklich? Nein, auch junge Leute wollen das gelegentlich!

Wieso um Himmels willen spricht man dann vom “Seniorenteller”? Gutes Marketing hat längst alle Branchen mit Erfolg durchzogen – fehlt die Gastronomie etwa? Es wäre doch sonst bestimmt schon jemand auf einen besseren Begriff gekommen?!

Dies ist eines meiner Lieblingsbeispiele, wie man mit einem Wort eine tolle Idee verunstalten kann. Ein anderes Beispiel kommt aus der betrieblichen Altersversorgung: Auch dort gibt es großartige Einrichtungen, die der Gesetzgeber leider mit dem etwas abschreckend klingenden Wort “Unterstützungskasse” belegt hat.

Und neben diesen beiden Beispielen gibt es ein weiteres: “Web 2.0″.

Jeder Informatiker weiß sofort, was gemeint ist: Mit 1.0, 1.1, 1.2.1, 2.0 etc. werden die jeweiligen Releaseinformationen von Software bezeichnet – das sind Versionsnummern. Und: je weiter hinten eine Änderung stattfindet, desto kleiner und weniger bedeutend sind die Änderungen. Also ist zum Beispiel der Übergang von Version 1.5.21 auf 1.5.22 weniger “dramatisch” als der Übergang von 1.5 auf 1.6.

Und: Ein Übergang von 1.irgendetwas auf 2.0 ist das allerdramatischste – eine Erhöhung der Leitziffer vorne kommt einer Revolution des Programms gleich. Um welches Programm geht es hier? Um das Web, also das Internet allgemein.

Also: Web 2.0 will uns sagen, dass es eine Revolution im Internet gegeben hat – leider verstehen das aber nur Leute, die ohnehin Technikbegeistert sind und dafür die Begriffsbildung gar nicht bräuchten.

Und umgekehrt: Die Hauptprofiteure der Ideen von Web 2.0 – gerade Menschen ohne allzuviel technische Kenntnisse – können mit dem Begriff kaum etwas anfangen, jedenfalls wird er sie wohl kaum hinter dem Ofen hervorlocken. Hoffen wir also, dass die sicherlich irgendwann bevorstehende Einführung von Web 3.0 mit besserem Marketing verbunden sein wird – und daß einstweilen die Konzepte von Web 2.0 so großartig sind wie die Seniorenteller, die ja wenigstens trotzdem gegessen werden.

Und was ist nun Web 2.0? Worin liegt die Revolution? Besser und genauer kann man das an folgenden Stellen nachlesen:

  • Wikipedia, dem berühmten Lexikon-Klassiker im Internet:  Beschreibung Web 2.0 (ein neues Fenster oder eine neue Registerkarte geht auf), oder
  • auf privat betriebenen Seiten, von denen ich folgende ganz hervorragend finde:  Webthreads (ebenso neiues Fenster oder …).

Aus meiner Sicht ist der wichtigste Punkt von Web 2.0 die mögliche Beteiligung des Endanwenders an der Gestaltung der Inhalte. Und damit verbunden die Möglichkeit, miteinander zu interagieren und über Grenzen hinweg zu kommunizieren.

Was bedeutet das? Am besten sieht das wohl an folgendem Beispiel: Schon seit jeher gibt es “Lesezeichen” oder “Favoriten”, also die Möglichkeit für jedermann, die eigenen gern besuchten Websites zu kennzeichnen, so dass man später wieder leicht auf diese zurückkommen kann. Mit Portalen wie Mister Wong, del.icio und ähnlichen sogenanten “Social Bookmarking”-Seiten besteht die Möglichkeit (aber nicht die Pflicht), die eigenen Lesezeichen selbstgewählten Kategorien zuzuordnen und für andere sichtbar zu kennzeichnen. Umgekehrt kann man selbsst in den von anderen freigegebenen Lesezeichen nach den eigenen Interessengebieten zu suchen.

Wenn Sie sich also – als fiktives Beispiel – für italiensches Kochen interessieren, können sie nach diesen Worten gezielt die Lesezeichenlisten abgrasen  Damit können hervorragende Seiten auch ganz schnell populär gemacht werden. Faktisch tauscht man die Internet-Erfahrungen mit Gleichgesinnten aus. Das wäre früher eher undenkbar gewesen. Es ist wie ein viertuellerl Verein – und man selbst kann festlegen, ob man stummer Beobachter, leiser Partizipant oder proaktiver Vereinsgründer sein will.

Ganz ähnlich ist es mit den Buchbewertungen bei elektronischen Versandhäusern wie zum Beispiel amazon.de: Auch hier profitiert man von den Erfahrungen anderer.

Natürlich gibt es auch Schattenseiten – die Interaktion kann dazu führen, dass sich plötzlich ganz viele Menschen einen picken, auf den sie verbal einschlagen oder dessen Ruf sie zerstören. Dies hängt meines Erachtens auch mit einem Webfehler des Internet zusammen – der Möglichkeit, anonym zu bleiben, egal welchen Müll man veröffentlicht. Aber zumindest in Deutschland kommt ja auch bald die E-Mail-Adresse mit Legtimation. Und auch Medien wie Wikipedia haben den Spagat zwischen Beteiligung aller einerseits und Qualität andererseits ganz gut hinbekommen.

Nun aber noch einmal zurück zu Web 2.0. Warum scheint mir die Möglichkeit der Interaktion so wichtig? Ich glaube, dass es zahlreiche weiterer Nutzer gibt und geben wird, die sich dieser Vorteile noch gar nicht bewusst sind: Alte, Kranke, Behinderte etc. – sie werden gemeinhin nicht mit dem Internet in Verbindung gebracht. Das ist meines Erachtens ein großer Fehler. Denn der Nutzen, den sie ziehen könnten aus der ganzen Veranstaltung Web 2.0 ist noch viel, viel größer als derjenige all derer, denen das Internet sowieso schon zur beruflichen oder privaten Plattform geworden ist.

Und damit schließt sich der Kreis mit dem Marketing: Solange alle glauben, das Internet sei nichts für die oben genannten Zielgruppen, solange wird das auch schriftlich wiederholt und gesacht sowieso – und so verbreitet sich dieser Aberglaube – wie ich gestehen muss, leider auch ein Web-2.0-Effekt. Umso wichtiger ist es aber gegenzusteuern – meine Großmutter hätte ich mit dem Begriff “Web 2.0″ sicher eher verschreckt. Da wäre “Internet für Alle” bestimmt besser gewesen – und genau das ist es!

About Wolfgang Wagemann

Wolfgang Wagemann lebt im Rhein-Neckar-Raum.
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