Konstruktionsfehler des Internet

Das Internet ist natürlich eine tolle Erfindung. Es hat viele Vorteile, die  hier
und andernorts beschrieben sind.

Das bedeutet aber nicht, dass es nicht frei von Konstruktionsfehlern ist. Einige davon erscheinen sogar dermaßen problematisch, dass sie sich mittelfristig ändern müssen. Ansonsten würde das Internet zu einem kaum noch beherrschbaren Moloch.

Was ich meine, sind die folgenden Punkte:

  1. Es gibt Redefreiheit (grundsätzlich richtig) in Kombination mit Anonymität (unsinnig).
  2. Das Internet besitzt eine “unendlich lange und große Merkfähigkeit” in Kombination mit den nicht mehr vorhandenen Rechten des einzelnen, selbst über die über ihn vorhandenen Informationen bestimmen zu können.
  3. Das Internet ist die größte Müllhalde der Welt.

Lassen Sie uns diese Punkte etwas näher beleuchten.

1. Die Redefreiheit in Kombination mit der Anonymität

Stellen Sie sich vor, Sie wollten einen bekannten Politiker, dessen Ansichten Sie nicht teilen, mit Eiern bewerfen. Sie könnten also an seinen Wohn- oder Arbeitsort fahren, sich dort postieren, warten bis er kommt und dann die vielen faulen Eier gezielt in seine Richtung werfen. Damit hätten Sie ihn sicherlich nicht von seiner Meinung abgebracht, aber immerhin wüßte er, dass mindestens ein Bürger seine Ansichten nicht nur nicht teilt, sondern sogar soweit geht, faule Eier aufzutreiben und damit um sich zu werfen.

Aber das würden Sie in der Regel nicht tun – oder? Und warum?

  • Weil Sie glauben, dass Sie damit ohnehin nichts bewirken würden,
  • weil der Einfluss des Politikers nicht so groß ist, dass er mit seinen
    Ansichten die öffentliche Meinung wirklich nennenswert beeinflusssen könnte,
  • weil Sie die möglicherweise weite Reise scheuen,
  • weil Sie selbst die Kosten für Eier und Reise als zu hoch empfinden,
  • weil Sie befürchten müßten, erkannt und verhaftet zu werden, oder eine Geldstrafe
    aufgebrummt zu bekommen.

Also anders gesagt: Ihnen ist der Nutzen zu gering (die ersten zwei Gegenargumente) oder die Kosten zu hoch (die nächsten zwei oder drei Argumente).

Sie könnten die Kosten aber erheblich drücken: wenn Sie den Eierwurf gedanklich ins Internet übertragen: indem Sie Schmähungen in Blogs, Foren etc. verbreiten. Sie müssen nicht reisen und der Stromverbrauch wird durch einen beleidigenden Blogbeitrag sicherlich nicht so stark steigen, dass es Sie arm macht.

Und: Sie können nicht – oder jedenfalls nicht so einfach – gefunden werden. Also kann man Sie auch nicht so leicht mit Geldstrafe belegen.

Aber seien wir einmal ehrlich: so wie es in der Demokratie als nicht akzeptabel
gilt, sich mit Eierwerfern auseinanderzusetzen, so kann es doch im Internet
nicht ernsthaft sinnvoll sein, sich mit Beleidigungsoffensiven zu befassen.

Aber der wichtigste Hebel, der solche Dinge erst möglich macht, ist die
Anonymität. Jedermann kann jederzeit an jedem Ort bei Foren mitmachen und dort
oft irgendetwas sagen – er bleibt ja anonym.

Aber es ist leider das falsche Bild von Redefreiheit, das hier vorzuherrschen
scheint – in einer freien Welt muss man auch zu seinen Äußerungen stehen
können.

Man sollte anonym surfen können – wenn ich in einem Pariser Strassencafe sitze, um Leute zu beobachten, wissen die in der Regel auch nicht, wer ich bin, solange ich denen nichts Böses tue.

Aber wenn ich anfange, von mir aus einen Output in die Welt zu bringen, dann sollte ich auch als Urheber erscheinen.

Die Journalisten haben es vorgemacht: Anonyme Leserbriefe werden nicht gedruckt. Namensbeiträge dagegen schon. Und wenn ein schutzwürdiges Interesse an der Geheimhaltung des Urhebernamens besteht, dann kennt die Redaktion den Namen, aber er wird eben nicht publiziert. Das scheint doch eine faire Verteilung zu sein.

Warum geht es so nicht im Internet?

2. Das Elefantengedächtnis des Internet

Schon als junger Facebookianer bekommt man beigebracht: Lass Dich nicht in Situationen ablichten, die Dir später mal wieder auf die Füße fallen könnten.

Also keine Fotos von Suff-Parties, Orgien und ähnlichen Dingen.

Aber wie kann es sein, dass eine Gesellschaft, die sonst so starken Wert auf das “informationelle Selbstbestimmungsrecht”  legt, an dieser Stelle nichts unternimmt, um das zu ändern?

Es gibt Daten über jeden, die von allen möglichen Institutionen gespeichert werden müssen – zum Beipsiel muss das Finanzamt die Steuerangaben eine bestimmte Zeit lang aufbewahren. Eine Bank muss die Transaktionsdaten eines Kunden vorrätig halten etc. Aber natürlich sind diese Daten geheim – sie sollen gerade nicht in die Öffentlichkeit dringen.

Wenn nun aber Fotos oder ähnliche Dinge im Netz auftauchen, die eine bestimmte Person zeigen, aber nicht “freigegeben” sind, muss diese Person dann nicht das Recht haben, diese Daten löschen zu lassen? Oder zumindest die Herstellung des Bezugs zu dieser Person (also wenn ein Bild mehrere Leute zeigt, kann man vielleicht nicht verlangen, dass das ganze Bild verschwindet, aber zumindest die Nennung der betreffenden Person in Bezug auf das Bild)?

Und von wem kann man das verlangen? Von demjenigen, der das Bild ins Internet gebracht hat – ja, sicherlich. Aber eben auch vom Provider der Website!

So sollte es sein! Und in der Praxis ist es oft auch so – auch wenn es formal keine Verpflichtung geben mag. Und eigentlich sollte das doch selbstverständlich sein. Insbesondere die Rolle des Providers wird dabei immer wieder diskutiert.

Aber vergleichen Sie doch einmal: Sie besitzen ein Grundstück mit einer Wiese in einer schönen Stadt, Sie vermieten diese Wiese. Und dann kommt ein Mieter daher und macht Lärm und Schmutz – dann ist doch klar, dass dieser Mieter als erstes die Verantwortung dafür trägt, dass dies künftig unterbleiben soll. Wenn er es aber nicht ändert, dann sind Sie als Vermieter “dran” – also, verantwortlich.

Warum sollte das im Internet anders sein?

Wenn das aber so ist, dann verschwindet das Elefantengedächtnis des Internet – denn jeder, der “seine” Daten gelöscht haben will, bekommt diesen Wunsch in der Regel auch erfüllt. Und so ist es auch richtig.

Im Übrigen wissen wir doch alle, dass es unsinnig ist, alles aufzubewahren. Wenn Sie einen wichtigen Brief schreiben und dafür mehrere Entwürfe brauchen, dann werden Sie bei Fertigstellung doch die alten Entwürfe löschen. Gemeinhin nennt man dies “Aufräumen”. Und wir alle wissen – das ist eine Tugend!

Und das ist auch schon eine wunderbare Überleitung zum nächsten Punkt.

3. Das Internet als Müllhalde

Dieser Punkt hängt in Teilen eng mit dem ersten zusammen: Es gibt im Internet viele Foren und Blogs etc., die aber leider selten oder nie aufgeräumt werden.

Nehmen wir ein x-beliebiges Hilfe-Forum, wie es bei Webentwicklern üblich ist: alle Leute können dort Fragen stellen, die von irgendjemandem, der die Antwort weiss, beantwortet werden. Das ist eine hervorragende Sache – denn in der Regel wird niemand von denen, die antworten, dafür jemals bezahlt. Es handelt sich also im wesentlichen um echten “Goodwill”.

Recht oft findet man eine Frage sowie eine oder mehrere Antworten darauf. Wenn nun aber eine andere Person im Kern das Gleiche fragt, dann erhält sie oft sogar entsprechende Hinweise, mal in der hilfreichen Form (“es steht an dieser oder jener Stelle”), mal in der weniger hilfreichen Form (“mach Dir doch die Mühe, zu googeln”). Aber das Frappierende ist: dieser Thread bleibt stehen -und bläht damit das Forum auf.

Und die Mühe der Auswahl des richtigen Threads – bleibt beim nächsten Suchenden – und sie wird im Laufe der Zeit immer größer.

Und so ist es bei vielen Dingen: Sie suchen ein Video mit der Darstellung der Rede Ronald Reagans an der Berliner Mauer (‘Mr. Gorbatchov, open this Gate!’)? Viel Spass bei der Auswahl! Eins ist zu lang, eins ist zu kurz, eins hat eine miserable Tonqualität etc.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Natürlich sucht nicht jeder das Gleiche – im Beispiel mit dem Video will es der eine kürzer, der andere länger.

Aber: es gibt eben auch klar die Situation, in der ein weiterer Einrrag (in einem Forum oder in einer Videothek oder in sonstwas) einfach nicht mehr weiterführend ist. Und dann sollte er mit dem ersten “verschmolzen” werden oder gar nicht erst im Internet erscheinen.

Was fehlt? – Es ist die Koordination. Nun ist klar, dass das Internet eine dezentrale Veranstaltung ist. Es gibt also keine Weltregierung dort oder ähnliches. Aber: Jedes Forum, jede Website, jeder Domain wird ja von irgendjemandem “besessen” oder kontrolliert. Aber wer soll dies überwachen – die Einhaltung von Koordinationsstandards? Das ist nicht einfach zu beanatworten, und auch ich habe kein Patentrezept dafür.

Aber es gibt schon einige Ansatzpunkte, an denen man versuchen könnte, sich jedenfalls in diese Richtung zu bewegen.

- Viel hängt bei den Webhostern: Haben Sie schon einmal einen Domain gekündigt?
Das ist gar nicht so einfach! Und da ein Domain einen Appel und ein Ei kostet
(ca. 1 EUR im Monat), dürfte wohl manch einer seiner inaktiven Domains
einfach sthen lassen. Ein besseres Preissystem könnte hier Abhilfe schaffen.
- Wikipedia als Vorbild: Auch bei Wikipedia kann prinzipiell jeder schreiben,
was er will – aber das Ganze unterliegt einer gewissen Qualitätskontrolle.
Es gibt klare Richtlinien, anhand derer sich die Qualität eines Textes wenigstens rudimentär messen lassen muss. Z.B. die Angabe von Quellen und Belegen.
- Aber eben nicht nur die, sondern im Prinzip jeder ist gehalten, gelegentlich
aufzuräumen. Das gilt insbesondere für alle Foren- und Website-Betreiber.

Jeder Bekannte von mir wird nun wohl mit dem Kopf schütteln und Dinge sagen wie:
“Du solltest erst einmal vor Deiner eigenen Haustür kehren” oder aber “Wer im Glaushaus sitzt, sollte nicht mir Steinen um sich werfen”.

Und sie haben ja alle recht – es ist schon etwas merkwürdig, wenn ein chaotischer Mensch wie ich solche Dinge verlangt. Aber vielleicht gerade deshalb, weil ich schon so oft in der eigenen Unordnung untergegangen bin, weiß daher wie wichtig das gelegentliche Aufräumen ist.

- Provider sollten Domains, die nicht innerhalb einer bestimmten Zeit eine bestimmte Menge an Besuchen bekommen, entweder schliessen können oder aber diese “markieren”. Auch der Zwang zu öffentlichen Besucherzählern könnte helfen, hier Transparenz zu erzeugen.

Wichtig ist aber vor allem der Grundgedanke: es muß ein Aufräumen geben, ansonsten droht man, in der Informationsflut zu ersticken. Und, ja: das umfasst auch “Wegwerfen”. Es macht keinen Sinn, jahrzehntelang Blogs mit Unsinn vorzuhalten.

Also zusammengefasst haben wir die folgenden Maßnahmen zur Behebung der Konstruktionsmängel im Internet.

1. Etwas “sagen” sollte nur, wer nicht anonym ist.
2. Es kann ruhig zusammengefasst, weggeworfen und aufgeräumt werden.

About Wolfgang Wagemann

Wolfgang Wagemann lebt im Rhein-Neckar-Raum.
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