Soziale Netzwerke – wirtschaftlicher Wert?

Haben Sie ein Adressbuch? – Sicher, wer hat das nicht?

Wie “wertvoll” ist es für Sie oder für andere? Schauen wir uns einige Beispiele an, wie man diese Frage beantworten könnte:

  • Sie sind einer derjenigen schweizerischen Bankangestellten, die in ihr “Adressbuch” deutsche Steuersünder aufnehmen. Dann ist diese Adresssammlung sicherlich für Sie selbst sehr wertvoll – denn Sie können sie den deutschen Behörden verkaufen. Und sicherlich wäre diese Adresssammlung auch für jeden anderen ebenso wirtschaftlich nutzbar. Wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter der deutschen Steuerfahndung Ihr “Adressbuch” finden würde, käme der deutsche Staat billiger an die Daten – das würde alle Steuerzahler sehr entlasten.
  • Nehmen wir an, Sie sind ein gewöhnlicher “Normalverbraucher”. In Ihrem Adressbuch sind die Namen und Anschriften Ihrer Freunde und Bekannten – einige davon aktuell, andere dagegen veraltet. Und da sie nicht vermerken, ob ein Eintrag eine Karteileiche ist oder nicht (vermutlich wissen Sie das selbst nicht so genau), kann ein Außenstehender das auch nicht so unmittelbar erkennen. Also, so leid es mir tut: vermutlich ist der “Wert” Ihres Adressbuches nicht allzu hoch.
  • Sie verkaufen sehr wertvolle Gemälde – Sie sind zum Beispiel der Chef eines berühmten Auktionshauses. Ihr Adressbuch dürfte auch einen recht hohen Preis erzielen – vor allem, wenn es Ihre Lieferanten umfasst. Denn das dürfte viele Menschen interessieren: wer besaß welche wertvollen Gemälde und veräußerte sie später über Ihr Haus?
  • Sie sind Vermittler (egal, welche Fachrichtung) und sammeln Ihre Kundenbeziehungen in dem Adressverzeichnis -  auch das wäre sehr interessant. Jedenfalls könnte es anderen nützlich  sein, wenn man alles aktuell gehalten hat und die Adressen auch “warm” sind, also der letzte Kundenkontakt noch nicht allzulange her ist – und sich nicht daran störte, daß Sie ihn anrufen wollten.

Ich denke, diese wenigen Beispiele reichen schon aus um die – zugegebenermaßen sicher nicht nobelpreisverdächtige – Aussage zu illustrieren: Es gib sehr wertvole Adressbücher – aber das sind genau die, die man nicht veröffentlichen würde.

Oder ganz anders ausgedrückt: wenn Sie mit jemandem wirklich (ja, ich meine wirklich) befreundet sind – welches Interesse haben Sie beziehungsweise der Freund oder die Freundin daran, dies öffentlich kundzutun?

Nun, solche Situationen gibt es bestimmt – wenn zum Beispiel einer von Ihnen berühmt ist, könnte der andere davon profitieren, dass er sich zu den guten Bekannten jenes (oder jener) Famosen rechnen darf – aber leider entsteht ein gewissser schaler Beigeschmack, wenn man das Gefühl hat, der weniger Bekannte brüste sich allzusehr mit seinen Beziehungen.

Aber welchen Wert haben dann öffentliche soziale Netzwerke? Wie wir gerade gesehen haben, sind die “wirklich interessanten” Beziehungen eher die, die man nicht veröffentlicht. Das spricht dafür, dass die dort gelisteten Beziehungen eher von nicht allzuhoher Qualität sind.

Was bleibt dann noch als Grund zur Teilnahme an sozialen Netzen? Meine Antwort darauf wäre wie folgt: einen sehr wichtigen praktischen Nutzen gibt es: wenn Sie Ihr Adressbuch als “closed shop” betreiben, müssen Sie selbst ständig dafür sorgen, dass die einzelnen  Einträge aktuell bleiben – und das kann ganz schön anstrengend sein. Da ist es natürlich viel besser, wenn jeder Eingetragene sich selbst aktualisiert – denn der Betreffende weiß selbst am besten., wann sich welche Änderungen ergeben haben.

Allerdings ist es dann wichtig, ein Augenmerk darauf zu haben, dass die Daten aktuell gehalten sind beziehungsweise werden. Ach, wie toll wäre es doch, systematisch ein Datenfeld vorzuhalten, aus dem das Datum und der Inhalt der letzten Website-Aktualisierung hervorgeht.

Aus der eigenen Sicht kann man hinzufügen: Man verliert andere nicht so schnell aus den Augen – und man sorgt dafür, dass man selbst nicht in Vergessenheit gerät. Auch dafür ist es sehr wichtig, im Netz präsent zu sein.

Also, man könnte definieren: Ein soziales Netzwerk ist eine Adressverwaltungssoftware, bei der sich jeder Eintrag selbst aktualisiert. Das ist vielleicht etwas weniger als sich manch einer von denen erhofft hat, die irgendwann mal Facebook-Aktien kauften –  aber es ist ein Anfang.

Das finde ich spannend: man kann dem Verlauf des Aktienkurses gewissermassen ansehen, wie schnell die Community lernt – nämlich lernt, über den wirklichen Nutzen des Internet nachzudenken.  Und der besteht bestimmt nicht darin, dass ich – oder irgendjemand sonst – die Welt mit der Liste meiner Bekannten oder Freunde beglücke – was ich auch früher nie getan hätte.

 

About Wolfgang Wagemann

Wolfgang Wagemann lebt im Rhein-Neckar-Raum.
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