Online-Shops

 

Können Sie sich noch an den guten alten “Tante-Emma-Laden”erinnern? Es war immer schön, dort einzukaufen. Man kannte sich, der Inhaber gab einem immer (als Kind) den Extra-Wurstzipfel, man schnackte ein wenig, nahm die Beratung gerne in Anspruch und hatte einen glüclichen Einkauf.

Irgendwann jedoch änderte sich die Welt: Supermärkte und große Einkaufszentren kamen auf. Der Unterschied war vor allem der Preis – als Konsequenz eines völlig anderen Konzeptes: der Selbstbedienung und der schnellen Abwicklung an den Kassen. “Beratendes Personal” wurde ausgedünnt oder verschwand fast völlig. Der “Laden um die Ecke” starb weitgehend aus.

Versetzen wir uns noch einmal in die alte Zeit zurück, Stellen Sie sich vor, Sie betreten so einen beschriebenen klassischen Tante-Emma-Laden. Und “Tante Emma”, die Inhaberin, begrüßt Sie freudig mit den Worten: “Hallo, wir haben beschlossen, unseren Laden in einen Supermarkt umzuwandeln. In ein paar Monaten schon geht es los.”

Würden Sie das glauben? – Aus einem ehemaligen Laden mit sehr persönlicher Prägung soll nun ein eher anonymer Supermarkt werden, bei dem Effizienz und Prozessoptimierung statt menschlicher Wärme an erster Stelle stehen. Und für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass das mit den gleichen Leuten geschieht? Nun ist klar, in manchen Fälllen wird das gelingen – aber in manchen Fällen wird die Anpassung in Richtung eines Supermarktes auch fehlschlagen – schon weil der Platz nicht ausreicht, die Technik eine andere ist, das Sortiment anders zusammengestellt wird oder weil das Personal den bisher geltenden Regeln folgt.

Und heute? Heute “verwandeln” sich Super- oder Baumärkte in “Onlineshops”. Oder besser gesagt – sie rüsten damit auf, denn natürlich bleiben in vielen Fällen die ursprünlichen Läden,  Filialen, Märkte erhalten. Der Onlineshop ist in der Regel also primär etwas ergänzendes.

Kann das funktionieren? “Tante-Emma” verabschiedet sich nicht in den Ruhestand, sondern eröffnet neben ihrem bisherigen Laden einen neuen, einen Supermarkt? Der Supermarkt-Betreiber eröffnet neben seinem bisherigen Geschäft einen Online-Shop?

Viele Kioske, Friseure, Zeitschriftenhändler, Apotheken etc. stehen in der Nähe von Supermärkten oder teilen mit diesen sogar die Räumlichkeiten. Also kann das funktionieren – die Koexistenz der alten mit der neuen Welt.

Aber stimmt das wirklich? Oder existieren diese kleinen Läden nur, weil sie ein anderes Sortiment haben, das der Supermarkt nicht oder nur in eingeschränkter Form anbietet?

Additiv oder substitutiv? “Tante-Emma” und der Supermarkt? Oder eher: entweder “Tante-Emma” oder der Supermarkt – aber jedenfalls nicht beide? Baumarkt und Online-Shop? Oder: entweder der Baumarkt, dann aber nicht der Online-Shop beziehungsweise der Online-Shop, aber dann nicht mehr der klassische Baumarkt?

Für eine mögliche Koexistenz spricht: es gibt sehr viele Möglichkeiten zur funktionalen Differenzierung der alten und der neuen Welt.

Das Sortiment kann sich unterscheiden. Oder die Wertschöpfungsart. Eine Internet-Apotheke hat im Regelfall keine Filiale (oder  jedenfalls wäre diese für das Online-Geschäft irrelevant). Sondern es ist ein Versandgeschäft.

Supermarkt ist nicht gleich Supermarkt. Schon zwischen den einzelnen Ketten gibt es teilweise erhebliche Unterschiede.

Aldi bietet für den Bedarf jeweils ein Produkt – zum Beispiel eine Bolognese-Sauce. Bei Edeka bekommt man dagegen sehr viele Varianten.

Bei Aldi muss der Kunde seine Waren schnell einräumen, weil an den Kassen kaum Ablagefläche ist. Edeka hat oft sogar Unterteilungen der Ablagefläche für mehrere Kunden.

Aldi – der Kunde kramt noch im Portemonnaie, der Kassierer bereitet schon das Wechselgeld vor. Edeka – der kleine Drucker spuckt Belege und Gutscheine aus, der Kassierer stellt mindestens eine Frage (“Sammeln Sie Bonuspunkte?”, “Nehmen Sie an der und der Aktion teil?”).

Wie sieht es nun in der Unternehmenslandschaft aus? Neulich betrat ich eine Esprit-Filiale und wunderte mich zunächst, als ich an der Tür sinngemäß folgendes las: “The largest Esprit store worldwide” (frei übersetzt: “der größte Esprit-Laden der Welt”). Das konnte ich mir aber nicht vorstellen – und so war es auch nicht – ich hätte nur gleich bis zu Ende lesen müssen. Da stand nämlich noch “www.esprit.com”.

Auch im Buchhandel finden gegenwärtig wichtige Weichenstellungen statt: Siehe dazu den FAZ-Artikel Buchmarkt  2012. Im Kern kann man sagen, dass mehr und mehr Kunden sich dafür entscheiden, nicht mehr den Weg in den Laden anzutreten, sondern sich für die  Online-Variante entscheiden.

Das hat sicherlich viele Ursachen. Einige kann man sich leicht ausmalen:

  • An- und Abfahrt zum Laden entfallen ebenso wie die Parkplatzsuche. Das ist ein Gewinn an Zeit und Geld.
  • Man erhält im Regelfall unmittelbar ein Feedback, ob beziehungsweise wann die gewünschte Ware vorhanden ist.
  • Die Möglichkeiten zur Auswahl sind viel weitgehender, ebenso besteht die Gelegenheit zum unmittelbaren Vergleich. Letztere ist in der Regel nur wenige  Klicks entfernt.

Daneben gibt es weitere, die eine Rolle spielen könnten, aber die nicht immer gegeben sein müssen.

  • Der eine oder andere Kunde wird es schätzen, nicht von einem Verkäufer angesprochen zu werden.
  • Die Transportkosten nach Hause sind überschaubar, oft niedriger als zum Beispiel großstädtische Parkgebühren.
  • Die Möglichkeiten zum An- oder Ausprobieren sind oft vielfältiger, die Rückgabemodalitäten in der Regel sehr kundenfreundlich.

Aber das bedeutet nicht, dass der Stationärhandel nicht auch mit Vorteilen aufwarten könnte:

  • Man kann die Produkte in der Regel anfassen, begutachten, vermessen. Man ist nicht nur auf Bilder und Videos angewiesen.
  • Es fallen keine Versandkosten an.
  • Man kann sich leichter eine Beratung dazuholen.

Langer Rede kurzer Sinn: Online-Shops stellen andere Anforderungen an deren Betreiber. Eine 1:1-Übernahme des bisherigen Geschäftsmodells ist im Regelfall nicht zielführend. Im Regelfall müssen die Geschäftsprozesse komplett  neu auf den Online-Shop angepasst werden. Die Preisfindung muss möglicherweise komplett neu überdacht werden.

Jedenfalls ist klar: Das Betreiben eines Online-Shops erfordert ein Nachdenken über die Fundamente des Unternehmens – eine Riesenchance für jedes Unternehmen.

 

 

 

 

About Wolfgang Wagemann

Wolfgang Wagemann lebt im Rhein-Neckar-Raum.
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