Plagiate

In jüngster Zeit wird gelegentlich der Vorwurf erhoben, einige Autoren wissenschaftlicher Publikationen hätten in großem Umfang Plagiate verwendet.

Ein Plagiat liegt vor, wenn jemand fremdes geistiges Eigentum für eigene Zwecke missbraucht (Wikipedia-Artikel über Plagiate).

Mit moderner Computer-Technik kann man heutzutage viel leichter als früher solche Fälle erkennen. Allerdings bedarf es außerdem immenser menschlicher Anstrengung.

Eine Website, die dieses Thema aufgegriffen hat, ist der VroniBlog.

Lassen Sie uns dies etwas näher beleuchten.
Dabei fällt vor allem auf, wie manches auf dieser Plattform
aufgebauscht wird. Nehmen wir gerade den Fall von der Leyen.

Das ist der derzeit aktuellste und zugleich einer der prominentesten.

Aktuell sind 27 von 62 Seiten (das entspricht mehr als 43% — die genaue
Prozentzahl wird sogar noch mit einer Nachkommatelle angegeben) ihrer 1991-er Dissertation mit Plagiatsfundstellen “dokumentiert”. Auch der Zeitpunkt dieser Feststellung wird auf die Sekunde genau festgehalten. Und natürlich die Zeitzone (UTC + 2)!

Das alles suggeriert wissenschaftliche Präzision! – Und vermutlich
hält es viele Journalisten davon  ab, das zu tun, was diese Plattform
von jedem Hochschulstudenten verlangt – sich nämlich die
Mühe zu machen, die Einzelheiten zu recherchieren – also
anders gesagt: auf die Originalquellen zu schauen.

Bevor wir das aber tun, sollten wir einmal über das
Ergebnis der Dokumentation nachdenken. Denn die Scheinwissenschaftlichkeit
der ach so präzisen Zahlen übertüncht vielleicht deren Fragwürdigkeit.

Das Hauptergebnis lautet: Mindestens 43% der Seiten enthalten Plagiate. Das klingt nach sehr viel.

Aber wieso “Seiten”? Auf einer Seite steht viel.
Wenn man also “verseuchte” Seiten zählt, wirft man solche mit einem Plagiat
mit anderen mit 10 Plagiaten in einen Topf.

Na ja, deshalb werden ja auch die “total vergifteten” Seiten mit hohen
Prozentsätzen besonders herausgestellt – so dürfte wohl das Gegenargument der Plattform lauten.

Aber Achtung: Auf einer dieser hochverseuchten Seiten der zur Rede stehenden Publikation findet man in der “Bewertung” des Fragments (021 10) den Satz:
“Die Quelle wird ganz am Ende der Seite genannt, jedoch
werden Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme nicht kenntlich gemacht.”

Aha, bei den Plagiaten – man gibt fremde geistige Leistungen
als die eigenen aus – zählt es also gar nichts, wenn man “immerhin”
die Quelle offenlegt? Also: Alle Plagiate sind gleich!

Noch anders gesagt: Jemand, der gar nicht sagt, dass er etwas
übernommen hat, wird mit demjenigen gleichgestellt, der sagt,
dass er etwas übernommen hat, aber den Grad der Übernahme unter den
Tisch fallen lässt. Das erscheint doch ein wenig fragwürdig.

So entpuppt sich also zumindest ein Teil einer der hochverseuchten
Seiten doch als etwas weniger vergiftet als es die rote Farbe dieser
Kategorie Glauben machen will.

Lassen Sie uns ein anderes Beispiel herausgreifen. Auf Seite 23
der Arbeit von Frau von der Leyen findet sich im ersten
Satz die Fortsetzung eines Plagiats, das auf Seite 22 beginnt.

Also: Zufälligerweise sorgt hier ein Seitenumbruch dafür,
dass die Anzahl verseuchter Seiten noch um 1 erhöht wird.

Da die Gesamtzahl der Seiten kleiner ist als 100, sorgt
dieser Effekt für ein Aufblähen der Quote verseuchter
Seiten – das ist die Hauptmaßzahl – um mehr als einen
Prozentpunkt. Wir erinnern uns daran, dass die
Website-Autoren die Zahl trotzdem mit einer Nachkommastelle
genau angeben. Das nennt man dort wohl “wissenschaftlich”.
Welch eine Farce!

Aber das Beste steht erst noch bevor: unser drittes Beispiel!
Auch dieses bezieht sich auf die Seiten 22 und 23 der Arbeit
von Frau von der Leyen.

Hier scheinen die Autoren des
VroniBlogs, die sonst mit Hinweisen wie
“der Erstautor wird fälschlich ‘Edgard’ geschrieben”
(Fragment 021 10) nicht geizen,
Opfer ihrer eigenen Materialfülle
geworden zu sein.

Denn zum Plagiat auf Seite 22 wird im – gesichteten,
also bereits qualitätsgesicherten – Fragment 022 20
vermerkt: “Die Verf. übersetzt an dieser Stelle – unter Verwendung der
entspr. bibliografischen Nachweise – Ausführungen von Mercer et al. (1988),
ohne dies kenntlich zu machen. “. Danach findet sich der Hinweis,
dass es auf der Folgeseite weitergeht.

Und was steht auf der Folgeseite im Text der Arbeit von Frau
von der Leyen? – NICHT markiert von VroniBlog.
Sie können es sich schon denken: “[MERCER et al. (1988) nutzten …”. Also ist doch ein Hinweis da.

Angesichts dieser Einzelbeispiele fällt es mir schwer nachzuvollziehen,
dass die Methodik der Plagiatsjäger vernünftig ist.

Die Grundidee scheint gut zu sein. Aber die Exekution
erscheint doch fragwürdig.

Wenn man die Gesamtübersicht anschaut, fällt auf, dass viele Fälle
der jüngeren Vergangenheit entstammen. “Alt” dagegen (beim Fall
von der Leyen zum Beispiel erfolgte die
Promotion 1991) sind Fälle von bekannten Politikern.

Wenn man bedenkt, dass Urkundenfälschung eine Verjährungsfrist
von 15 Jahren hat, fragt man sich doch, ob sich die Plattform
nicht missbrauchen lässt von Leuten, die ganz andere Interessen
verfolgen.

Unser Eindruck: Erbsenzählerei auf hohem Niveau. In Unternehmen soll es den Spruch geben: Wenn man jemanden entlassen will, muss man nur dessen Reisekostenabrechnungen durchforsten – irgendein Fehler wird sich schon finden.

Man wird das Gefühl nicht los, dass hier etwas ähnliches versucht wird. Aber mit so alten Kamellen. Es graust einen.

Aber ein Gutes hat all dies: Man sieht, dass eins stimmt. Das Studium der Originalquellen ist wichtig.

Nachbemerkung: Die Screenshots mit all den Angaben, die in diesem Beitrag verwendet wurden, findet man auf der Nachweisseite .

About Wolfgang Wagemann

Wolfgang Wagemann lebt im Rhein-Neckar-Raum.
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