Dissertation von der Leyen – VroniPlag

Aktualisierung 12.10.2015

Zwischenzeitlich hat VroniPlag “nachgelegt”. Gab es ursprünglich nur eine nirgends erwähnte Quelle, sind es jetzt schon mindestens drei.

Ich bleibe trotzdem bei meinen Aussagen. Denn nach wie vor halte ich die Methoden von VroniPlag für fragwürdig.

Nicht, dass ich mißverstanden werde: Auch ich glaube, dass es in der Dissertation von Frau von der Leyen Plagiate gibt. Und auch das war von Anfang an so, seitdem ich die Fragmente auf VroniPlag dazu gesehen habe.

Allerdings bin ich ebenso davon überzeugt – auch das ist unverändert -, dass VroniPlag Methoden der Öffentlichkeitsarbeit benutzt, die gefundene Ergebnisse unangebracht dramatisieren und die VroniPlag selbst das falsche Image eines ehrenvollen Whistleblowers (s. hier die Wikipedia-Definition) zu geben versuchen. In einem separaten Artikel werde ich dies darstellen.

 

Ursprünglicher Artikel

Eine wichtige Website zur Analyse von wissenschaftlichen Publikationen im Hinblick auf Plagiate ist VroniPlag. Mit großer Akribie werden die untersuchten Werke in Fragmente unterteilt, deren Texte den entsprechenden Bausteinen aus den plagiierten Quellen gegenübergestellt werden.

Einige Politiker haben bereits ihre Ämter aufgegeben, nachdem VroniPlag zeigen konnte, dass sie beim Verfassen ihrer jeweiligen Dissertationen in unzulässiger Weise von Plagiaten Gebrauch gemacht hatten: zu Guttenberg, Koch-Mehrin, um nur zwei zu nennen.

Dieser Tage ist es die Dissertation von Frau von der Leyen, die in der Kritik steht. VroniPlag  kommt zu dem Ergebnis, dass “auf 27 von 62 Seiten Plagiatsfundstellen dokumentiert” wurden. “Dies entspricht einem Anteil von 43,5% aller Seiten.” (Beleg wie für alles  andere hier von mir behauptete auf der Nachweisseite Plagiate mit entsprechenden Screenshots.)  Die Berichterstattung von VroniPlag zur Dissertation von Frau von der Leyen steht unter diesem Link.

Bei genauerem Hinsehen gewinnt man allerdings den Eindruck, dass VroniPlag die Bedeutung der Mängel in der Dissertation  überzeichnet und einige Sachverhalte falsch darstellt.

Konkret:

  • Die Verwendung “betroffener Seiten” zur Quantifizierung des Plagiatsanteils ist eine schlechte, verfälschende Messmethode.
  • Alle Quellen von Frau von der Leyen sind benannt. Bei der einen einzigen angeblich unbenannten Quelle hat sich VroniPlag vermutlich geirrt.
  • Nicht alle Behauptungen von VroniPlag zu den Inhalten von Quellen stimmen.

Das zeigen die nachfolgenden Beispiele.

Beispiel 1 – Differenzierung der Plagiate ohne Einfluss auf die Statistik

Wesensmerkmal des Plagiats ist das falsche Ausgeben fremder Leistungen als die eigenen: Das Paradebeispiel ist die Textübernahme aus einer Quelle, ohne diese auch nur zu nennen.

Aber wie ist es, wenn ein Text unter Benennung der Quelle  übernommen wurde, aber der Leser nicht klar erkennen kann, ob es sich um eine wörtliche oder eine sinngemäße Übernahme handelt? Dann handelt es sich formal ebenfalls um ein Plagiat, allerdings wiegt dies deutlich weniger schwer. Denn ein echtes “Schmücken mit fremden Federn” liegt hier nicht vor, da der Leser ja sehen kann, dass es sich um die Darstellung eines Sachverhaltes handelt, der bereits bekannt ist und dessen Darstellung keine Eigenleistung der Autorin darstellt.

Schaut man auf die Seiten 4, 5 und 6 der Dissertation von Frau von der Leyen, hat man genauso einen Fall: Die Textpassagen sind aus einer Quelle übernommen, die auf Seite 6 benannt wird. Auch VroniPlag hält dies so fest. Und trotzdem werden diese Seiten  im Bericht zu den “herausragenden Fundstellen” gerechnet – und natürlich voll gewertet.

Und so gehen sie in den sogenannten Barcode ein. Dort sind die Seiten 4 und 5 hellrot markiert – die schlimmste Stufe (mehr als 75% plagiiert) – und zwar unterschiedslos für “echte Plagiate”  (ohne überhaupt die Quelle zu benennen) und “unechte” (die Quelle ist benannt, aber Art und Umfang der Zitierung wird nicht angegeben) Plagiate. Auf die Idee, für “unechte” Plagiate schwächere Farben zu nehmen  (zum Beispiel orange oder gelb statt rot) kam man nicht.

Aber nicht nur im Barcode erscheint dies so sehr drastisch. Nein, die eine komplett übernommene Stelle (wohlgemerkt: deren Quelle benannt und kenntlich gemacht ist) zählt wegen ihrer Länge drei volle Seiten.

Ähnlich wie für die eben besprochenen Seiten ist die Übernahme einer Textpassage auf Seite 22 unten, deren Quelle auf der Folgeseite angegeben ist. Auch hier zählt VroniPlag voll und kommentiert im Fragment 022 20: “Die Verf. übersetzt an dieser Stelle – unter Verwendung der entspr. bibliografischen Nachweise – Ausführungen von Mercer et al. (1988), ohne dies kenntlich zu machen. “, obwohl “Mercer et al.(1988)” auf der Folgeseite der Dissertation benannt ist.

Und auch hier gibt es wieder den Effekt, dass eine Übernahme zu mehreren (hier: zwei) kontaminierten Seiten führt.

Zwar unterteilt VroniPlag die Plagiate in Kategorien (zum Beispiel Übersetzungen). Aber deren Unterschiedlichkeit geht nicht in die zusammenfassende Statistik ein. Und auch in einem Interview des VroniPlag-Mitarbeiters (Verantwortliche gibt es dort nicht gemäß FAQ) wird lediglich auf die Seitenzahlen verwiesen ohne zu erwähnen, dass dies (mit einer Ausnahme – siehe dazu nächstes Beispiel) keine Vollplagiate sind: Berlin PolitikX vom 7.10.2015 . Die betreffende Stelle ist circa bei 10:40. Übrigens wird aus der “27″ aus Versehen eine 37.

 

Beispiel 2 – Gibt es eine Quelle, die überhaupt nicht benannt wird?

Auf Seite 11 der Dissertation meint VroniPlag, ein Plagiat von einer überhaupt nicht genannten Quelle gefunden zu haben:  ”In den kürzeren Fragmenten 011 14 und 047 05 wird mit Lettau et al. (1987) eine Quelle verwendet, die in der gesamten Arbeit an keiner Stelle erwähnt wird.” Und auch dies zählt zu den Hauptfundstellen des vorläufigen Berichts.

Lassen wir dazu einen Kommentar auf Spiegel online sprechen:

“Auch bei von den Plagiatejägern gefundenen Sätzen wie: ‘Der vorzeitige Blasensprung ist die häufigste Ursache aszendierender intrauteriner Infektionen’ weigere ich mich, ein Plagiat zu erkennen. Selbst, wenn sie wortwörtlich übernommen worden sind. Denn ‘der vorzeitige Blasensprung’ und ‘aszendierender intrauteriner Infektionen’ sind Fachtermini, die kann man gar nicht anders wiedergeben. Und der Verbindung der beiden mit ‘ist die häufigste Ursache von’ weilt kein eigenes Copyright inne. Google findet letztere Kombination 21.400 mal im Web! Das ist also eine allgemeine Phrase und kein Copyright-tragender Satz. Natürlich ist es wichtig, die Quelle der genannten Behauptung zu zitieren, aber das hat von der Leyen bei der genannten Passage auch getan.”

Mit anderen Worten: ob es sich wirklich um ein Plagiat aus einer nicht-benannten Quelle handelt, darf bezweifelt werden. Warum sollte Frau von der Leyen eine einzige Quelle ganz verschweigen, wenn sie ansonsten aus lauter Quellen abschreibt, die sie mindestens im Literaturverzeichnis und in der Regel an der Übernahmestelle benennt?

So sind in der Liste der Quellen alle benannt (stehen also im Literaturverzeichnis) – mit  zwei Ausnahmen: Eine ist eine “Eigenquelle” (Frau von der Leyen selbst). Und die andere ist die von VroniPlag “entdeckte”, die nirgendwo auftaucht. Wenn Frau von der Leyen im Regelfall aus benannten Quellen abschreibt, wieso sollte sie es ausgerechnet an einer Stelle nicht tun?

Neben dieser Thematik gibt es noch eine andere: Im gleichen Fragment wird der nachfolgende Satz in der Dissertation

“Bei 3 – 25% der Schwangeren mit vorzeitigem Blasensprung tritt in der Folge eine Chorioamnionitis auf (GIBBS et al. 1980). “

von VroniPlag wie folgt kommentiert:

“Weiterhin wird die von Gibbs et al. (1980) wiedergegebene Aussage in dieser Form nicht von ihnen getroffen; im Original ist auf S. 709 von einem Blasensprung von mehr als 24 Stunden die Rede: ‘Acute chorioamnionitis is diagnosed clinically in 0.5% to 1.0% of all pregnancies but in 3% to 25% of those with rupture of membranes (ROM) greater than 24 hours.’

Die Aussage der Dissertation folgt aus der der Quelle. VroniPlag übersieht dies.

 

Beispiel 3 – Die Interpretation der Quellen scheint nicht immer vollständig zu sein

In Fragment 013 08 schreibt VroniPlag in der Bewertung (Link  zur Quelle Tillett et al. (1930) wurde entfernt, der Text dieser Quelle findet sich aber auf unserer Nachweisseite): “Erklärungsbedürftig scheint zudem, warum die Verf. – im Gegensatz zu Schwarz (1963) – für den dritten Satz einen Aufsatz von Tillett et al. (1930) als Beleg nennt, da in diesem Antigen-Antikörperreaktionen nicht thematisiert werden. ”

Diese Aussage scheint falsch, denn gleich auf der ersten Seite dieser Quelle steht (Fettschreibung von mir): “He isolated from typhoid bacilli material which failed to give the usual tests for proteine but which reacted specifically in antityphoid sera. The residua antigens of Zinsser (2, 3) obtained from a variety of bacteria, were characterized by their non-proteine nature. ”

Ganz allgemein fällt auf, dass VroniPlag häufiger behauptet, bestimmte Aussagen ließen sich bestimmten Quellen nicht entnehmen. Damit soll offensichtlich untermauert werden, dass diese Quellen beim Schreiben der Dissertation ihrer Verfasserin gar nicht vorlagen.

Leider sind die Quellen nicht immer auf VroniPlag verfügbar. In diesen Fällen muss man den Recherchen  von VroniPlag wohl einfach glauben – mit dem Risiko, einem Irrtum aufzusitzen, wie in diesem Beispiel.

Soweit die Beispiele.

VroniPlag stellt also teilweise nicht haltbare Behauptungen zu den Inhalten der Dissertation oder ihrer Quellen auf.

Auch die seitenbasierte Zählung der Plagiate erscheint nicht sinnvoll, wie wir gesehen haben: Ein 100-Seiten-Werk mit 20 Plagiaten auf einer Seite erscheint weniger problematisch (1% betroffen) als wenn man 10 Plagiate hat, die sich auf 10 Seiten verteilen (10% betroffen). Kann das richtig sein?

Alles in allem: Tolle Grundidee bei VroniPlag! Aber warum das Ausgraben alter Dissertationen mit teilweise fragwürdigen Aussagen? Die abschließende Beurteilung liegt sowieso in der Hand von Fachleuten, die die Forschungsspitze im jeweiligen Fachgebiet kennen.

Was hat Frau von der Leyen nun  eigentlich “angestellt”? Sie hat in ihrer Dissertation Texte von anderen übernommen, dies aber gekennzeichnet und die jeweilige Quelle benannt. Sie hat es unterlassen zu kennzeichnen, was wörtlich und und was sinngemäß zitiert wurde. Aber hat sie sich mit fremden Federn geschmückt? Ich kann das nicht erkennen.

Liest man vor diesem Hintergrund, dass ”auf 27 von 62 Seiten Plagiatsfundstellen dokumentiert” wurden, fragt man sich schon, ob das eine adäquate Beschreibung ist.

 

About Wolfgang Wagemann

Wolfgang Wagemann lebt im Rhein-Neckar-Raum.
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